„Wie Print digital überlebt – Einblicke in die Arbeit des WESER-KURIER“

So lautet der Titel des Vortrags von Daniel Killy, den er am 16. Juli dieses Jahres beim elften Oldenburger Social Media-Stammtisch in den Räumlichkeiten des OFFIS – Institut für Informatik hielt. Killy, Chef vom Dienst beim Bremer WESER-KURIER, machte gleich zu Anfang deutlich: Noch seien keinerlei Erfolge zu verzeichnen im Hinblick auf den digitalen Wandel des WESER-KURIER. Die Zeitung in ihrer gedruckten Form erfreue sich zwar immer noch großer Beliebtheit; doch nicht wenige Regionalzeitungen hätten sich als Monopolblätter auf einer vermeintlichen Sicherheit ausgeruht, die negative Entwicklung in Sachen Anzeigenumsätzen und Leserschwund ignoriert und so jahrelang den Wandel des Marktes verschlafen. „Als Leitmedium hat die gedruckte Zeitung allerdings ausgedient beziehungsweise ist auf dem besten Wege dazu“, warnte Killy, der über vielfältige Erfahrungen in der Medienbranche verfügt.

Daniel Killy

Beim elften #SoMe-Forum sprach Medienexperte Daniel Killy darüber, wie dem digitalen Wandel als Printmedium zu begegnen sei.

Zum einen ermöglichten Facebook, Twitter und Co., dass sich Inhalte zu Ereignissen verbreiteten, bevor ein Nachrichtenprozess abgeschlossen sei. „Dieser Tempowandel macht der Zeitung mit ihren starren Redaktionsschlüssen ordentlich Dampf“, so der Medienexperte. Zum anderen löse der objektive Leserschwund einen Teufelskreis aus: „Mit den Lesern schwinden auch die Anzeigenerlöse, ohne die sich die teuren Redaktionen nicht mehr finanzieren lassen. Die Verlage bauen Stellen ab, dadurch sinkt die Qualität der Zeitung, wodurch wieder Leser und Anzeigenkunden abspringen.“

Der einzige Weg: „Content First“

Wichtig dabei sei festzuhalten: „Nicht der Journalismus ist tot, einzig einer seiner tradierten Kommunikationswege schwächelt.“ Im Gegenteil sei es einzig der Qualitätsjournalismus, der die Medienhäuser retten könne. Notwendig dazu: die konsequente Umstellung der Produktionsprozesse auf „Content First“. Nicht einen Publikationskanal gelte es zu bedienen, nicht Print oder Online oder Tablet beziehungsweise Smart Phone oder E-Paper. „Es geht um die Gleichstellung aller Ausgabemedien!“,  betonte Killy. „Nicht die mediale Ausgabeform ist entscheidend, sondern die journalistische Qualität der angebotenen Inhalte.“ Konvergenz sei das Gebot der Stunde – in technischer, inhaltlicher und wirtschaftlicher Sicht sowie auf Seiten der Nutzer.

Der Fokus liegt auf der Ein-Portal-Strategie

In Bezug auf den WESER-KURIER gab Killy einen Einblick in die Arbeit am digitalen Wandel dort: „Wir fokussieren uns künftig auf eine Ein-Portal-Strategie.“ Entsprechend gebe es den WESER-KURIER unter einer Adresse im Netz. Die Reichweite werde künftig mit dem Premiumangebot erzielt. In absehbarer Zeit werde eine sogenannte Metered Paywall eingeführt, wie es etwa die WELT sehr erfolgreich getan habe. Darüber hinaus werde es eine Reihe von Abo-Kombinationen und Angeboten geben, die unterschiedliche Ausgabeformate wie Tablet-Edition und iPhone/Android-News App, wie E-Paper oder auch leuchtendes E-Paper – eine visuell optimierte Tablet-App auf inhaltlicher Basis des E-Paper – enthalten werde.

Dass Rabatt-Aktionen und auf die Bedürfnisse des Users zugeschnittene Abo-Kombinationen eine Akzeptanz beim digitalen Leser herbeiführen könnten, auch künftig für Inhalte zu bezahlen, zeige das Beispiel BILD+. Rund 230.000 Abonnenten habe BILD+ derzeit. „Man kann sagen, das sei wenig“, sagte Killy und konterte selbstironisch: „Aber innerhalb eines Jahres hat BILD damit mehr Paid-Content-Nutzer gewonnen, als der WESER-KURIER Abonnenten hat.“ Wie sich ein modernes Massenmedium im Internet präsentieren müsse, dafür seien die zehn Gebote von Jeffrey Zeldman Anhaltspunkte.

Herausforderung digitale Anzeigenmodelle

Auch aus Sicht der Vermarkter böten die neuen digitalen Formate Potenzial, etwa durch neue Anzeigenangebote wie Beilagen und klickbare Anzeigen im E-Paper oder sonstige Werbemittel in der App. Bisher könnten sie allerdings noch nicht befriedigend abgebildet werden, gab Killy zu bedenken. „Darum haben wir noch keine schlüssigen Anzeigenmodelle im Angebot.“ Der WESER-KURIER befände sich jedoch im Dialog mit Anbietern digitaler Anzeigenmodelle, eine Entscheidung werde bald fallen. Grundsätzlich gelte: „Die Anzeigenkunden erwarten ein Konzept, das geschmeidig in der Nutzung ist und dem Leser einen Mehrwert bietet. Perspektivisch müssen die Reichweite und die zu erwartenden Klickzahlen passen.“

Und sie erwarten nachweisbare Erfolge. Die IVW, die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, ermittelt die Auflagenzahlen. Allerdings müssen Print- und PDF-Version einer Publikation absolut identisch sein, wenn sie gemeinsam unter einem Markennamen gezählt werden sollen. Killy bemerkte dazu: „Das macht es schwer, neue digitale Anzeigenformate zu etablieren, die es in der gedruckten Zeitung gar nicht geben kann.“

Von digital analphabets zu digital adopters

Um den Wandel hin zu digitalen Auftritten erfolgreich zu bewältigen, sei jedoch zuallererst ein Umdenken innerhalb der Redaktion erforderlich. „Aus digital analphabets sollten digital adopters werden“, so die Überzeugung des CvD beim WESER-KURIER. Die Möglichkeiten der Digitalisierung seien nicht als Verlust oder gar Bedrohung zu sehen, sondern könnten qualitativ hochwertigen journalistischen Inhalten sogar noch neue Ansätze hinzufügen. Ein perfektes Beispiel für digital storytelling sei die Reportage „A Game of Shark and Minnow“ des New York Times Magazine.

Ebenfalls positiv zu bewerten sei der Druck auf die Redaktion durch die zunehmende Geschwindigkeit der Informationsgesellschaft. „Sie könnte auch gut für die Print-Zeitung sein“, erklärt der erfahrene Zeitungsmacher. „Wenn die ‚letzte Meldung‘ gedruckt nicht mehr nötig ist, weil sie bereits im Netz oder auf meinem Handheld auftaucht, dann ist Zeit für Hintergrund und Analyse, für Lesegeschichten, die die Haptik der Zeitung ausnutzen.“ Ein guter langer Text lese sich gedruckt immer noch besser als online. Um eben solche Geschichten zu produzieren, müsse man in den Redaktionen Schritt für Schritt das Reporter-/Editor-System einführen: „Reporter tragen Geschichten an die Redaktion heran, die dort optimal aufbereitet werden.“ Mit dem Verstetigen des Gefühls „Sonntagszeitung“, in der Themen hintergründig aufbereitet werden, weil die Leser mehr Zeit haben als werktags, könne Print im digitalen Zeitalter auf diese Weise einen Qualitätsschub erfahren – und damit sein Überleben sichern.

„Wie Print digital überlebt“ – sechs Kernthesen von Daniel Killy

1. Content First ist keine Alternative für Zeitungen, es ist deren Überlebensmittel.

2. Eine Mehrkanalstrategie bedeutet mehr Anspruch an die Arbeit der Kollegen, nicht Mehrarbeit.

3. Abonnements-Lösungen funktionieren nur nach dem Baukasten-Prinzip. Der Kunde sucht sich seine Kanäle nach seinen Bedürfnissen und dem Leseverhalten zusammen.

4. Die „gute alte Zeitung“ kann einen Qualitätsschub durch die Mehrkanalkonkurrenz erfahren.

5. Regionale Zeitungen und Anzeigenmärkte können besonders von der Digitalisierung der Angebote profitieren – Stichwort „Micro Journalism“.

6. Konvergenz ist eine Chance für alle Medienkanäle. Es ist Zeit, wieder große Geschichten zu erzählen.

 

Über den Referenten

Daniel Killy arbeitete zuletzt bei der BILD-Zeitung in leitender Funktion. Seit Anfang 2014 ist er als Chef vom Dienst beim WESER-KURIER tätig und soll dort vor allem Konvergenz-Strategien entwickeln.

 

Referent Daniel Killy und #SoMe-Initiator Sebastian Neumann

Stimmen aus dem Netz zum 11. #SoMeOL

Danke sagen tut gut

Danke an den Referenten: für das Engagement, das #SoMe-Forum mit einem interessanten Vortrag sowie fundiertem Know-how zu bereichern und sich ausführlich den Fragen aus der anschließenden Diskussionsrunde zu widmen.

Danke an alle Teilnehmer:  für das Interesse, die interessanten Gespräche, das Vernetzen und das informelle Get-together sowie die Rückmeldungen zum Abend, die uns immer ein Stück weiterbringen.

Danke an OFFIS – Institut für Informatik: für die Bereitstellung der Räumlichkeiten und die gute Organisation vor Ort durch Britta Müller, Leiterin Marketing und Kommunikation bei OFFIS und #SoMe-Pressesprecherin.