Von Strickblogs und Netzpolitik – Wie Frauen und Männer im Social Web kommunizieren

Von Strickblogs und Netzpolitik – Wie Frauen und Männer im Social Web kommunizieren

Kürzlich habe ich mich mit dem Thema „Female Shift in der Online-Kommunikation“ auseinandergesetzt, ein Schlagwort, das die wachsende Partizipation von Frauen und den zunehmend prägenden Einfluss des weiblichen Kommunikationsstils im Netz bezeichnet. Hintergrund ist die technologische Entwicklung, die in den letzten Jahren aus dem Internet das ‚Social Web‘ machte. Dieses wird mit seinem Fokus auf den kommunikativen Austausch gern als weiblich definiert

[1] – eine Dichotomisierung, die unweigerlich Pauschalisierungen und Schubladendenken provoziert. Umso frappierter war ich angesichts der zahlreichen Belege, die die bekannten Geschlechterstereotype bestätigen. Lassen sich Frauen und Männer tatsächlich immer noch in vordefinierte Kategorien stecken, wo der Zeitgeist doch Individualität und Selbstverwirklichung abseits vorgegebener Geschlechterrollen suggeriert?

flickr.com The Library of Virginia

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Über die Unterschiede im Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen im Allgemeinen ist schon viel geschrieben wurden. Verkürzt lässt es sich so ausdrücken: Männern geht es verstärkt um Informationen, Frauen um Beziehungen. Männer bringen ihr Anliegen auf den Punkt, was souverän und selbstsicher wirkt; Frauen schmücken ihre Rede dagegen aus, bringen Relationen zum Ausdruck und wirken durch das Abwägen verschiedener Interessen weniger überzeugend. [2]

Da das Internet nun bloß einen weiteren Kanal im kommunikativen Miteinander darstellt, ist zunächst einmal davon auszugehen, dass diese Geschlechterstereotype dort reproduziert werden. Tatsächlich galt das Internet lange Zeit als männliches Medium, da es im Militär wurzelt und Technik leider noch immer männlich konnotiert ist. Mittlerweile liegen die Geschlechter in der Internetnutzung  gleichauf, zumindest was den Konsum von Inhalten betrifft. Mit dem Boom des Social Web in jüngerer Zeit und allgemein der Entwicklung hin zum Massenmedium rücken Frauen verstärkt ins Blickfeld, gilt doch Kommunikation, die den zentralen Aspekt des ’sozialen Netzes‘ bildet, als große Stärke und Leidenschaft des weiblichen Teils der Bevölkerung. Allerdings ist Kommunikation immer ein Austausch von Informationen zwischen Individuen, d.h. sowohl Informationen wie auch Beziehungen sind zentrale Bestandteile dieses Prozesses. Einen Unterschied zwischen Frauen und Männern findet man denn auch hauptsächlich in der Gewichtung dieser beiden Pole.

Tatsächlich sind Frauen in privaten sozialen Netzwerken etwas aktiver als Männer, nicht nur in Hinblick auf die Nutzerzahlen (in Deutschland sind aktuell 59% der Frauen und 55% der Männer aktive Nutzer), sondern vor allem in der Verweildauer: 71 Prozent der Frauen nutzen die Netzwerke täglich, gegenüber 67 Prozent der Männer. Im Gegensatz zu Männern, die vor allem berufliche soziale Netzwerke nutzen (21% gegenüber 15% bei den Frauen), um Informationen, Kunden oder neue Aufträge und Jobs zu finden, sind Frauen eher am Austausch mit Freunden und Familie interessiert. Das heißt nun freilich nicht, dass Männer sich nicht über Facebook mit Freunden austauschen oder dass Frauen keine Stellenanzeigen verfolgen. Die prozentualen Unterschiede zwischen den Geschlechtern liegen oft nah beieinander (selten über 10% Unterschied), es geht also um Nuancen der Gewichtung, die aber doch Tendenzen ausweisen.

Blickt man auf die aktive Produktion von Inhalten im Internet, verliert sich das relativ ausgeglichene Bild schnell. In der Wikipedia sind beispielsweise nur 9 Prozent der aktiven Autoren Frauen. Als einer der Hauptgründe dafür wird bezeichnenderweise die beizeiten rabiate Gesprächskultur auf Wikipedia, einschließlich beleidigenden Kommentaren von Männern, angeführt. Dieses Problem ist auch von Kommentaren in von Frauen geführten Blogs bekannt, stellt aber glücklicherweise kein Massenphänomen dar. Bei Blogs bilden Frauen immerhin noch rund ein Drittel der Autorinnen (manche Studien geben sogar ein 50/50-Verhältnis an). [3] Dass Frauen hier weniger zum Zug kommen, wird angesichts der Doppelbelastung durch Beruf und Familie oftmals mit einem Mangel an Zeit begründet. Wenn Frauen dann überhaupt noch Inhalte erstellen, sind diese meist im entsprechenden Themenkreis zu verorten, was zu dem leicht abschätzigen Sammelbegriff ‚Strickblog‘ führte. In den letzten Jahren entstanden so thematisch hochspezialisierte Angebote, die sich an einen relativ kleinen Adressatenkreis mit geringer medialer Aufmerksamkeit wenden, einen entsprechend kleinen Impact aufweisen, innerhalb dessen aber überaus relevant sein können.

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Männliche Blogger widmen sich dagegen verstärkt prominenten Themen wie (Netz-)Politik, Technologie oder Medien. Sie kommentieren aktuelle Meldungen und verlinken auch häufiger auf diese als Frauen das tun. Dadurch ranken diese Blogs höher, was zu dem so genannten Gender Gap der Blogosphäre führt: 70 Prozent der meistgelesenen Blogs werden von Männern betrieben.  Interessant ist in dieser Hinsicht jedoch, dass dies nur für erwachsene Blogger gilt. Bei den bloggenden Teenagern sind dagegen mit 63 Prozent Mädchen in der Überzahl (bei den über 17-Jährigen sind es „nur“ noch 47%). Insofern wird deutlich, dass nicht allein das Geschlecht über Nutzungsgewohnheiten entscheidet, sondern auch andere soziokulturelle Faktoren wie Alter, soziale Schicht oder Bildungsstand. Pauschalisierende Aussagen über „Männer“ und „Frauen“ verbieten sich damit eigentlich genauso wie solche über „Teenies“ und „Senioren“. Trotzdem hält man daran fest, denn an irgendwelchen Kriterien muss man sich schließlich abarbeiten und Bereiche wie etwa die Marktforschung und darauf aufbauend die strategische Positionierung ganzer Unternehmen kommen ohne solche Verallgemeinerungen freilich nicht aus.

Analysieren wir die Geschlechter also weiter: Für Frauen erfüllt das Bloggen eine Art Tagebuchfunktion, d.h. sie schreiben über persönliche Dinge und reflektieren ihre Alltagserfahrungen. Auch über das Teenageralter hinaus geben Frauen als Motivation für das Bloggen entsprechende Gründe an: Lust am Schreiben an sich, das Festhalten von Gedanken, die Verarbeitung von Gefühlen. Adressiert wird folglich ein kleiner Adressatenkreis an Bekannten und Gleichgesinnten, im Fachjargon ‚persönliche Öffentlichkeiten‘. Es geht also um Beziehungspflege und Emotionen, womit sich das klassische Kommunikationsmuster bestätigt. Männer zielen in ihren verstärkt thematisch ausgerichteten Blogs stärker darauf ab, anderen ihr Wissen zugänglich zu machen (Information!), man spricht hier von ‚individualisierter Massenkommunikation‘.

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flickr.com @Florida Memory

Untersuchungen der konkreten sprachlichen Muster in Blogs zeigen, dass Frauen und jüngere BloggerInnen verstärkt Pronomen, so genannte „blog words“ („lol“, „omg“, etc.) und Begriffe der Zustimmung bzw. Ablehnung nutzen, wodurch der Stil persönlicher wirkt. Ältere BloggerInnen und Männer nutzen dagegen deutlich mehr Artikel und Präpositionen, was zu einem sachlicheren Stil führt. Der im allgemeinen Kommunikationsverhalten festgestellte Unterschied zwischen Emotion (weiblich) und Information (männlich) spiegelt sich hier also wider, lässt sich aber nicht allein auf das Geschlecht begrenzen.

Auf Facebook ergibt sich schon ein differenzierteres Bild. Hier benutzen Frauen zwar häufiger als Männer Begriffe, die Gefühle zum Ausdruck bringen und auf die eigene Person bezogen sind. Psychologische und soziale Prozesse stehen folglich für Frauen in der Facebook-Kommunikation im Vordergrund. Bei Männern wurden dagegen mehr Artikel ausgemessen, aber auch ein deutlicher Überschuss an Schimpfwörtern und Begriffen, die dem Themenbereich „Wut“ zugeordnet werden, d.h. der Kommunikationsstil von Männern auf Facebook ist deutlich aggressiver als der von Frauen und damit letztlich auch emotional.

Untersuchungen auf Twitter zeigen: Männer posten eher eigene Tweets, während Frauen das Microblog stärker zur Konversation nutzen, aber auch um günstige Angebote zu finden (Shopping!) oder Celebrities zu folgen (Tratsch!). Die Beiträge von Frauen haben zudem einen grundsätzlich positiveren Tenor als die von Männern. Das liegt vor allem daran, dass Frauen ihre Informationen stärker anreichern, was einen emotionaleren Effekt erzielt. Der eher karge, informative Stil von Männern wirkt dagegen deutlich kühler. Entsprechend erklärt sich womöglich die deutliche Überzahl von Frauen auf Fotosharing-Sites wie Pinterest (84%!). Da Bilder affektiv wirken, würde ich dies auch als Entsprechung der emotionalen Kommunikationsstruktur von Frauen deuten. Interessant wäre auch eine Untersuchung über Infografiken, die in erster Linie Informationen vermitteln und konsequenterweise von Männern dominiert sein müssten.

Fasst man dies alles zusammen, so zeigt sich, dass sich die generellen männlichen und weiblichen Kommunikationsstile im Social Web weitestgehend bestätigen. Blickt man auf die Aktivität der Geschlechter, so agieren Frauen eher im intimen Zirkel der sozialen Netzwerke, während Männer stärker in den öffentlichen Diskurs drängen. Das soll nun freilich nicht heißen, dass Frauen nicht an wichtigen gesellschaftlichen Diskussionen teilnehmen, informationslastig kommunizieren, sich lautstark beschweren oder sich für Kühlerhauben begeistern können, genauso wie Männer durchaus Gefühle zeigen oder sich für Rezepte interessieren. Die Diskursmacht für die so genannten harten Themen liegt jedoch nach wie vor bei den Männern, das spiegelt sich in den Chefetagen und den Medien. Melden sich Frauen deutlich zu Wort, haftet ihnen schnell das Stigma der Feministin an, die im Netz übrigens noch immer heftig attackiert werden, aber das wäre ein ganz eigenes Thema. Nun sagt man Männern generell ein stärkeres Geltungsbedürfnis und ein ausgeprägteres Statusdenken nach, das sie dazu treibt, ihre Meinungen öffentlich zu vertreten, insofern sind diese Ergebnisse nicht allzu überraschend. Evolutionsgeschichtlich und kulturhistorisch betrachtet haben sie Frauen gegenüber schließlich ein deutliches Plus an Erfahrung in Sachen öffentlicher Kommunikation. Die Frage ist nur: Wird sich dieses Verhältnis irgendwann einmal ändern? Muss es das überhaupt? Kann es das? Diskutieren Sie mit mir – sachlich oder emotional!

 

Nachweise:

[1] Plant, Sadie: nullen + einsen. Digitale Frauen und die Kultur der neuen Technologien. München, 2000.

[2] Oppermann, Katrin / Weber, Erika: Frauensprache, Männersprache. Die verschiedenen Kommunikationsstile von Männern und Frauen. Landsberg am Lech, 2. Auflage, 1998.

[3] Schmidt, Jan: Geschlechterunterschiede in der deutschsprachigen Blogosphäre. In: Alpar, Paul; Blaschke, Steffen (Hrsg.): Web 2.0 – Eine empirische Bestandsaufnahme. Wiesbaden, 2008, S. 74-86.
By | 2018-04-17T22:08:46+00:00 28. Januar 2014|Categories: Blog|Tags: , |3 Comments

About the Author:

Melanie Grundmann
Dr. Melanie Grundmann ist Beraterin für Pinterest-Marketing und für strategisches Online-Marketing, außerdem Inhaberin der Social Media-Agentur Marpha Consulting (https://marpha-consulting.de) und Autorin des Buches "Erfolgreich auf Pinterest" (https://erfolgreich-auf-pinterest.de). Twitter: @mellepelle

3 Comments

  1. www.stephaineschoppert.xyz 15. März 2016 at 2:36 - Reply

    Die Mühe lohnt sich, auch wenn Sie nicht sofort den Mann oder die Frau Ihres Lebens kennen lernen.

  2. Sebastian Neumann 20. Februar 2014 at 18:12 - Reply

    Nicht jede Frau will an die Spitze und das ist auch gut so. Denn es ist ihr gutes Recht, sich frei zu entscheiden.

    Female Shift ist die langsame, aber stetige Verlagerung von Kompetenzen und Einflussnahme von den Männern zu den Frauen. Noch nie hat es so viele hervorragend ausgebildete, engagierte und ambitionierte Frauen gegeben, die bereit sind, an die Spitze zu wollen und sich dort oben einzurichten.

    Meine Erfahrung lehrt mich, dass es eine Sache ist etwas zu können. Die andere ist es zu wollen. Und auch hier unterscheiden sich die aktuellen Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen gewaltig.

    #femaleshift #SoMe

  3. Paul 10. Februar 2014 at 23:06 - Reply

    Ein sehr interessanter Artikel. Ich würde mir wünschen, wenn sich Frauen mehr in Männer dominierten Themen einbringen und nicht einschüchtern lassen. Die Tagebucheinträge sind nett zu lesen, haben aber keine Wirkung auf die Öffentlichkeit und auch kaum Einfluss auf die Politik bzw. Entscheidungsträger.

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